Ratgeber 2026-04-28

Altbau-Rohre: Sanierung oder Austausch?

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Zwei Leitungsnetze, zwei völlig verschiedene Fragen

Im Altbau werden regelmäßig zwei Dinge in einen Topf geworfen, die nichts miteinander zu tun haben: die Trinkwasserleitung, die Wasser ins Haus bringt, und die Abwasserleitung, die es wieder hinausbringt. Bei der ersten geht es um Gesundheit und inzwischen um eine abgelaufene gesetzliche Frist. Bei der zweiten um Funktion und Kosten. Die Antwort auf „sanieren oder austauschen" fällt für beide unterschiedlich aus.

Trinkwasser: Bei Blei ist die Entscheidung bereits gefallen

Das Wichtigste zuerst, weil es hier keinen Ermessensspielraum mehr gibt. Nach § 17 der Trinkwasserverordnung mussten Trinkwasserleitungen aus Blei — auch einzelne Teilstücke — bis zum 12. Januar 2026 entfernt oder stillgelegt werden. Diese Frist ist abgelaufen. Seit dem 13. Januar 2026 muss der Betreiber einer Wasserversorgungsanlage den betroffenen Verbrauchern zusätzlich in Textform erklären und nachweisen, dass er die Pflicht erfüllt hat oder eine Verlängerung erhalten hat (TrinkwV § 17).

Verlängerungen gibt es nur auf Antrag beim Gesundheitsamt; für Wasser, das ausschließlich im eigenen Haushalt des Betreibers genutzt wird, ist eine Frist längstens bis 2036 möglich. Stellt ein Wasserversorger oder ein Installationsbetrieb Bleileitungen fest, hat er das dem Gesundheitsamt anzuzeigen.

Praktisch heißt das: Wenn Sie ein Objekt mit Baujahr vor etwa 1973 besitzen oder gerade kaufen und nicht wissen, ob noch Blei verbaut ist, ist das keine Modernisierungsfrage mehr, sondern eine offene Pflicht. Blei erkennt man an der weichen, gräulichen Oberfläche und daran, dass die Rohre in weiten Bögen verlegt sind statt in Winkeln; Gewissheit bringt nur eine Prüfung. Sanierung ist bei Blei nie eine Option — nur Austausch oder Stilllegung.

Abwasser: Hier lohnt das Abwägen

Gusseisen

Mechanisch robust, aber korrosionsanfällig von innen. Die typische Schadensform ist nicht der Bruch, sondern der Rostwulst: Ablagerungen wachsen in den Querschnitt hinein, bis aus einer DN-100-Leitung effektiv eine DN-70-Leitung geworden ist. Solange die Wandung tragfähig ist, ist das ein Reinigungsthema, kein Sanierungsthema. Ist sie durchgerostet, hilft auch kein Inliner mehr, weil er ein tragendes Altrohr braucht.

Steinzeug

Im Bestand häufiger, als die meisten annehmen: Steinzeug ist mit einem hochgerechneten Anteil von 30,8 Prozent das zweithäufigste Material im öffentlichen Kanalnetz, nach Beton mit 39,3 Prozent (DWA, Erhebungsjahr 2018). Das Material selbst ist chemisch praktisch unverwüstlich — die Schwachstellen sind die Muffen. Dort dringen Wurzeln ein, und dort entstehen bei Setzungen Versätze.

Kunststoff

Kunststoffrohre kommen im öffentlichen Netz auf 17,7 Prozent, mit steigendem Anteil. Im Gebäude sind PP und PE seit Jahrzehnten Standard. Langlebig heißt nicht unempfindlich: Setzungsrisse, Verformungen durch Hinterfüllungsfehler und Wurzeleinwuchs an Verbindungsstellen kommen vor. Nur sieht man es von außen nicht.

Kosten

  • Einzelreparatur: 200 – 500 €
  • Inliner-Sanierung: 150 – 300 € pro Laufmeter
  • Komplettaustausch: 2.000 – 8.000 € je nach Gebäudegröße
  • Kamerainspektion vorab: 129 – 199 €

Für Einsätze nachts, am Wochenende und an Feiertagen gilt der 1,5-fache Tagespreis. Eine Sanierung ist allerdings nie ein Notdiensteinsatz — sie wird geplant.

Die Entscheidungsregel

Ein Inliner ist das Mittel der Wahl, wenn das Altrohr noch tragfähig ist und die Schäden aus Rissen, undichten Muffen oder leichten Verengungen bestehen. Der Liner wird eingezogen und härtet im Rohr aus; das funktioniert am besten auf langen, geraden Strecken mit wenigen Abzweigen. Zwei Einschränkungen gehören dazu: Er reduziert den Querschnitt um einige Millimeter, was bei ohnehin knapp bemessenen Leitungen zum Problem wird, und er braucht ein Altrohr, das die Form hält.

Austausch ist der Weg bei Durchrostung, bei Versätzen und Brüchen, bei streckenweise fehlender Wandung — und bei Blei ohnehin. Die Kostenrechnung pro Jahr Nutzungsdauer fällt dabei oft anders aus als der Blick auf die Rechnungssumme: Die DWA legt der Bewertung des Kanalnetzes eine angenommene Nutzungsdauer von 100 Jahren zugrunde.

Was die Entscheidung tatsächlich trägt, ist in beiden Fällen dasselbe: ein Befund. Eine Kamerainspektion zeigt Schadensart und Meterposition, und erst damit lässt sich sagen, ob sechs Meter saniert werden müssen oder der ganze Strang. Ohne diesen Befund ist jedes Angebot eine Schätzung.

Warum Altbaubestand statistisch auffällig ist

Das öffentliche Kanalnetz in Deutschland ist im bundesweiten Schnitt 36,9 Jahre alt — in Großstädten über 250.000 Einwohnern aber 55,4 Jahre, und dort ist mehr als ein Siebtel des Netzes älter als hundert Jahre. Rund 21,1 Prozent des Netzes, also etwa 130.700 von 619.300 Kilometern, wurden bis 1970 gebaut (Statistisches Bundesamt, 2022).

Diese Zahlen betreffen das öffentliche Netz, nicht Ihre Hausleitung — aber sie wurden in derselben Zeit und mit denselben Materialien gebaut. Wer in einem Gründerzeitviertel wohnt, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit Leitungen aus einer Epoche, für die die Statistik knapp 19 Prozent kurz- bis mittelfristigen Sanierungsbedarf ausweist. Weitere geprüfte Kennzahlen: Abwasser-Daten Deutschland.

Wurzeleinwuchs

Der klassische Altbauschaden, weil alter Baumbestand und alte Muffen zusammenkommen. Wurzeln brauchen keinen Riss, eine undichte Muffe genügt; sie folgen dem Feuchtigkeitsgradienten und verzweigen sich im Rohr zu einem Geflecht, das Papier und Fett festhält. Fräsen beseitigt das Geflecht, nicht die Eintrittsstelle — deshalb kommt es zurück, meist innerhalb von zwei bis vier Jahren. Dauerhaft dicht wird die Stelle nur durch Sanierung des betroffenen Abschnitts.

Häufige Fragen und Antworten

Wie lange dauert eine Inliner-Sanierung?

Für einen Strang über eine Etage meist einen halben bis einen Tag. Das Haus bleibt bewohnbar, die angeschlossenen Entnahmestellen sind aber für einige Stunden nicht nutzbar — bei Mietobjekten gehört diese Ankündigung zur Pflicht.

Kann ich im Altbau chemische Rohrreiniger verwenden?

Bei alten Guss- und Steinzeugleitungen besser nicht. Alkalische Reiniger arbeiten sich in vorhandene Risse und greifen Dichtungen an, und bei einer echten Blockade bleibt die Lauge über der Verstopfung stehen, statt zu wirken. Mechanische Reinigung ist bei diesen Materialien die sicherere und meist auch die schnellere Lösung.

Übernimmt die Versicherung die Kosten?

Bei einem plötzlichen Rohrbruch mit Wasserschaden in der Regel ja, bei altersbedingtem Verschleiß nein — das ist die Grenze, an der die meisten Ablehnungen entstehen. Eine geplante Sanierung ohne akuten Schaden ist Eigenleistung. Dass Leitungswasser mit rund 49 Prozent den größten Posten im Schadenaufwand der Wohngebäudeversicherung ausmacht, erklärt, warum Versicherer bei der Abgrenzung genau hinsehen.

Woran erkenne ich Bleileitungen?

An der weichen, matt-grauen Oberfläche, die sich mit einem Schlüssel anritzen lässt, und an den weich gebogenen Verlegewegen. Ein Magnet haftet nicht. Sicherheit gibt nur eine Untersuchung — und sie ist nach Ablauf der Frist vom 12. Januar 2026 keine Frage der Vorsicht mehr, sondern der Pflichterfüllung.

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